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<title>Fall Gladewitz</title>
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<h1 id="firstHeading" class="firstHeading mw-first-heading"><span class="mw-page-title-main">Fall Gladewitz</span></h1>
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</div>
<div id="mw-content-text" class="mw-body-content mw-content-ltr" lang="de" dir="ltr"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" lang="de" dir="ltr"><p>Der <b>Fall Gladewitz</b> war die wahrscheinliche <a href="Verschleppung" title="Verschleppung">Verschleppung</a> eines Besuchers beim <a href="Berliner_Rundfunk" title="Berliner Rundfunk">Berliner Rundfunk</a> aus <a href="West-Berlin" title="West-Berlin">West-Berlin</a> in die <a href="Deutsche_Demokratische_Republik" title="Deutsche Demokratische Republik">DDR</a> im Jahr 1950.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Vorgeschichte">Vorgeschichte</h2></div>
<p>Das traditionsreiche <a href="Haus_des_Rundfunks" title="Haus des Rundfunks">Berliner Funkhaus</a> in der Masurenallee stand seit dem Mai 1945 unter sowjetischer Kontrolle. Bald danach sendete von dort <i><a href="Berliner_Rundfunk" title="Berliner Rundfunk">Radio Berlin</a>,</i> mit Redakteuren aus dem sowjetischen Sektor. Die West-Alliierten versuchten mehrmals, den Betrieb zu stören, was ihnen aber nicht dauerhaft gelang.
</p><p>Das Funkhaus lag im britischen Sektor in der Nähe des Messegeländes und war äußerlich nicht als östliche Einrichtung zu erkennen.
Dies blieb auch nach der Gründung der DDR im Oktober 1949 so.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Besucher_am_1._September_1950">Besucher am 1. September 1950</h2></div>
<p>Am 1. September 1950 betrat ein etwa 25-jähriger junger Mann aus <a href="Aue_(Sachsen)" title="Aue (Sachsen)">Aue</a> im <a href="Erzgebirge" title="Erzgebirge">Erzgebirge</a> das Rundfunkgebäude. Er war der Meinung, dass es sich um einen West-Berliner Sender handelte, und wollte einen verantwortlichen Redakteur sprechen.<sup id="cite_ref-1" class="reference"><a href="#cite_note-1"><span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
Der Empfangschef Alfred Hartmann führte ihn zum Chef vom Dienst <a href="Richard_Gladewitz" title="Richard Gladewitz">Richard Gladewitz</a> in dessen Dienstzimmer. Dort befanden sich zu dieser Zeit außerdem noch die Sekretärin und der junge Rundfunkredakteur <a href="Dagobert_Loewenberg" title="Dagobert Loewenberg">Dagobert Loewenberg</a>. Das Stalin-Bild wurde vorher schnell von der Wand genommen.
</p><p>Der junge Mann berichtete nun über die schweren Arbeitsbedingungen der Arbeiter im <a href="Wismut_(Unternehmen)" title="Wismut (Unternehmen)">Wismut-Bergbau</a> in Aue, der unter sowjetischer Verwaltung stand.<sup id="cite_ref-2" class="reference"><a href="#cite_note-2"><span class="cite-bracket">[</span>2<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Er wurde aber stutzig, als die Sekretärin während des Gesprächs telefonisch ein Kraftfahrzeug aus der Friedrichstraße bestellte, weil er wusste, dass diese teilweise in Ost-Berlin lag.
Nach einigen Minuten verließ der Redakteur Dagobert Loewenberg den Raum. Bald danach ging auch der Abteilungsleiter Richard Gladewitz mit dem jungen Mann aus dem Zimmer.
</p><p>Was danach geschah, ist unbekannt. Die Identität des jungen Besuchers konnte nie geklärt werden, auch nicht dessen Verbleib.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Verhaftungen">Verhaftungen</h2></div>
<p>Der Mitarbeiter des <i>Berliner Rundfunks</i> Horst Ewald berichtete dem amerikanischen Sender <a href="RIAS" title="RIAS">RIAS</a> von der vermuteten Verschleppung. Dieser stellte daraufhin am 4. September eine Strafanzeige bei der West-Berliner Justiz. Am 7. September verschwand wahrscheinlich ein weiterer Besucher aus dem Ost-Berliner Rundfunk.
</p><p>Am 6. Dezember 1950 wurden der verantwortliche Redaktionsleiter <a href="Richard_Gladewitz" title="Richard Gladewitz">Richard Gladewitz</a>, der Empfangschef Alfred Hartmann und der Kraftfahrer Ernst Schmidt nach Dienstschluss von der West-Berliner Polizei verhaftet. Am 15. Dezember wurde auch der Rundfunkmitarbeiter <a href="Dagobert_Loewenberg" title="Dagobert Loewenberg">Dagobert Loewenberg</a> am <a href="Bahnhof_Berlin_Messe_Nord/ICC" class="mw-redirect" title="Bahnhof Berlin Messe Nord/ICC">S-Bahnhof Witzleben</a> festgenommen.
</p><p>Danach berichteten West- und Ost-Berliner Zeitungen mehrmals über die Vorgänge, jeweils aus ihrer Sicht, auch mit falschen Behauptungen.<sup id="cite_ref-3" class="reference"><a href="#cite_note-3"><span class="cite-bracket">[</span>3<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Prozess">Prozess</h2></div>
<p>Der Prozess begann erst am 27. August 1951 vor dem Schwurgericht Berlin-Moabit. Die Verhandlung leitete Landgerichtsdirektor von Götze, die Anklage vertrat Oberstaatsanwalt Hans Cantor, die Verteidigung hatte der bekannteste Ost-Berliner Anwalt <a href="Friedrich_Karl_Kaul" title="Friedrich Karl Kaul">Friedrich Karl Kaul</a> übernommen.<sup id="cite_ref-4" class="reference"><a href="#cite_note-4"><span class="cite-bracket">[</span>4<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
Im Gerichtssaal war Publikum zugelassen, die Rundfunksender <a href="NWDR" class="mw-redirect" title="NWDR">NWDR</a>, <a href="RIAS" title="RIAS">RIAS</a>, <a href="Berliner_Rundfunk" title="Berliner Rundfunk">Berliner Rundfunk</a> und der <a href="Deutschlandsender_(DDR)" title="Deutschlandsender (DDR)">Deutschlandsender</a> durften den gesamten Prozessverlauf aufnehmen.
</p><p>Am ersten Prozesstag wurden Dagobert Loewenberg und Ernst Schmidt aus der Untersuchungshaft entlassen. Ab dem zweiten Prozesstag wurden die ostdeutschen Rundfunksender von der Verhandlung ausgeschlossen. Die anwesenden Rechtsanwälte nahmen aber heimlich weiter den Prozessverlauf auf, der dann auch weiter im DDR-Rundfunk gesendet wurde.
Im Gerichtssaal gab es während der Verhandlungen öfter Unmutsbekundungen, am dritten Tag gab es auch wütende Proteste vor dem Gerichtsgebäude.
</p><p>Am 29. August wurde das Verfahren mit Freisprüchen für die Angeklagten beendet.<sup id="cite_ref-5" class="reference"><a href="#cite_note-5"><span class="cite-bracket">[</span>5<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
Der Verteidiger Friedrich Karl Kaul hatte vorher in einem dreistündigen Plädoyer die Unschuld seiner Mandanten beteuert.
Für eine vermutete Verschleppung des Besuchers konnten keine Nachweise erbracht werden. Es gab nicht einmal einen Passierschein für ihn und auch für den Kraftfahrzeugpark waren keine Papiere über eine Fahrt in dieser Zeit feststellbar.
</p><p>Später wurde in westlichen Medien die Vermutung geäußert, Rechtsanwalt Kaul habe die beteiligten Juristen auf Dokumente über ihre NS-Vergangenheit hingewiesen, die er gerne veröffentlichen würde.<sup id="cite_ref-6" class="reference"><a href="#cite_note-6"><span class="cite-bracket">[</span>6<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Resonanz">Resonanz</h2></div>
<p>Die DDR-Medien feierten die Freisprüche als Siege.<sup id="cite_ref-7" class="reference"><a href="#cite_note-7"><span class="cite-bracket">[</span>7<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Der Hauptangeklagte Richard Gladewitz erklärte danach in einem Interview:<sup id="cite_ref-8" class="reference"><a href="#cite_note-8"><span class="cite-bracket">[</span>8<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="Vorlage_Zitat" style="margin:1em 40px;">
<div style="margin:1em 0;"><blockquote style="margin:0;">
<p>„Man wollte einen entscheidenden Schlag führen gegen den Rundfunk der Deutschen Demokratischen Republik. Und damit auch gleichzeitig natürlich einen Schlag gegen die ungeheuer angewachsene Friedensfront. (...)“
</p>
</blockquote>
</div></div>
<p>Und Dagobert Loewenberg ergänzte
</p>
<div class="Vorlage_Zitat" style="margin:1em 40px;">
<div style="margin:1em 0;"><blockquote style="margin:0;">
<p>„Das Aufgebot dieser faschistischen Elemente, dieser Agenten und Meineidleistenden im Gerichtssaal war doch eigentlich im Grunde genommen nur der Versuch, uns wieder eine Zeit heraufzubeschwören, die wir bereits einmal erlebt haben. Und wir werden dafür sorgen, daß diese Zeit, natürlich der Faschismus, worauf diese Herren hinauswollten, daß diese Zeit nicht wiederkommen wird.“
</p>
</blockquote>
</div></div>
<p>Oberstaatsanwalt Cantor erklärte nach wenigen Tagen den Verzicht auf eine Revision.
</p><p>Friedrich Karl Kaul veröffentlichte bald danach das Hörspiel <i>Funkhaus Nalepastraße,</i> in dem er seine Sichtweise der Vorgänge darlegte.<sup id="cite_ref-9" class="reference"><a href="#cite_note-9"><span class="cite-bracket">[</span>9<span class="cite-bracket">]</span></a></sup><sup id="cite_ref-10" class="reference"><a href="#cite_note-10"><span class="cite-bracket">[</span>10<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Darin spann ein US-Hauptmann Williams die Fäden der Verschwörung gegen die DDR-Rundfunkmitarbeiter. Diesen gab es wahrscheinlich gar nicht, was aber aus dem Hörspiel nicht erkennbar wird.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Fazit">Fazit</h2></div>
<p>Es ist wahrscheinlich, dass der junge Besucher aus dem Rundfunkgebäude nach Ost-Berlin gebracht wurde und dort verschwand. In dieser Zeit gab es häufiger Entführungen und auch Todesurteile durch die ostdeutschen und die sowjetischen Verantwortlichen bei <i>Hochverrat</i> und ähnlichen Vergehen.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Literatur">Literatur</h2></div>
<ul><li><a href="Klaus_Behling" title="Klaus Behling">Klaus Behling</a>, <a href="Jan_Eik" title="Jan Eik">Jan Eik</a>: <i>Mata Haris in Ostberlin</i>. Berlin 2012. <a rel="nofollow" class="external text" href="https://books.google.de/books?id=-Rd4DwAAQBAJ&pg=PT36">S. 20–26</a> <a rel="nofollow" class="external text" href="https://de.everand.com/book/282868318/Mata-Haris-in-Ostberlin-Falle-aus-MFS-Polizei-und-NVA">Auszüge (unten)</a>, mit detaillierter Schilderung der Vorgänge</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Einzelnachweise">Einzelnachweise</h2></div>
<ol class="references">
<li id="cite_note-1"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-1">↑</a></span> <span class="reference-text">Klaus Behling, Jan Eik, <i>Mata Haris in Ostberlin</i>, 2012, <a rel="nofollow" class="external text" href="https://books.google.de/books?id=-Rd4DwAAQBAJ&pg=PT33">S. 24</a> über den mutmaßlichen Ablauf </span>
</li>
<li id="cite_note-2"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-2">↑</a></span> <span class="reference-text">Der Uranabbau durch die Wismutbergwerke war ein hochwichtiges Unternehmen für die sowjetische Atomwirtschaft, das deshalb auch nicht an die DDR übergeben wurde ! </span>
</li>
<li id="cite_note-3"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-3">↑</a></span> <span class="reference-text"><i>Neues Deutschland</i> vom 17. Dezember 1950, S. 1 <a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.nd-archiv.de/ausgabe/1950-12-17">Textanfang</a> <i>Freiheit für Rundfunkmitarbeiter</i>, auch 11., 15., 17. April und öfter; der West-Berliner <i>Der Abend</i> und weitere Zeitungen </span>
</li>
<li id="cite_note-4"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-4">↑</a></span> <span class="reference-text"><a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.gettyimages.ae/detail/news-photo/schnitzler-karl-eduard-von-journalist-moderator-ddr-news-photo/548182369">Friedrich Karl Kaul mit Karl-Eduard von Schnitzler</a> Getty images </span>
</li>
<li id="cite_note-5"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-5">↑</a></span> <span class="reference-text"><i>Die Zeit</i>, 36/1951, Abschnitt <i>Die Woche</i> </span>
</li>
<li id="cite_note-6"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-6">↑</a></span> <span class="reference-text">Klaus Behling, Jan Eik, <i>Mata Haris in Ostberlin</i>, 2012, <a rel="nofollow" class="external text" href="https://books.google.de/books?id=-Rd4DwAAQBAJ&pg=PT39">S. 25</a> </span>
</li>
<li id="cite_note-7"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-7">↑</a></span> <span class="reference-text"><i>Neues Deutschland</i> vom 30. und 31. August 1951, S. 1 </span>
</li>
<li id="cite_note-8"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-8">↑</a></span> <span class="reference-text"><i>Interview Richard Gladewitz und Dagobert Loewenberg über Prozeß in Westberlin August 1951</i>, in Bundesarchiv M 26670, Text auf PDF </span>
</li>
<li id="cite_note-9"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-9">↑</a></span> <span class="reference-text"><a rel="nofollow" class="external text" href="https://hoerspiele.dra.de/vollinfo.php?dukey=1438247&SID">Funkhaus Masurenallee</a> ARD-Hörspieldatenbank, Regie Gottfried Herrmann, mit Erwin Geschonneck und Herbert Köfee </span>
</li>
<li id="cite_note-10"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-10">↑</a></span> <span class="reference-text"><a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.hoerspieltipps.net/hsp/7520.html">Funkhaus Nalepastraße</a> Hörspieltipps; mit Zitat aus <i>Berliner Zeitung</i> vom 30. September, am Erstsendetag </span>
</li>
</ol></div><!--htdig_noindex--><div><div class="zim-footer">
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